Es muss nicht nur die Bäderküste sein.

Wer eine ganz andere Seite der Insel Rügen kennenlernen möchte, sollte sich nach Westrügen begeben. Dieser Teil der Insel ist noch durch seine landwirtschschaftlichen Strukturen geprägt. Kulturhistorisch sind neben den alten Dorfkirchen vor allem die zahlreichen Herrenhäuser und Gutanlagen von Bedeutung.

Um 1900 gab es 223 Gutshöfe auf Rügen. Viele der jeweiligen Herrenhäuser wurden nach der Wende saniert und konnten vor dem Verfall gerettet werden, 79 davon sind heute denkmalgeschützt.
Anders sieht es bei den Gutsanlagen aus, bei denen die zugehörigen Wirtschaftsgebäude in ihrem Bestand stark gefährdet sind.

Relativ intakt erhaltene Gutsanlagen gibt es nur sehr wenige. In Westrügen sind dies vor allem die Gutanlagen in Boldewitz, Granskewitz, Kapelle, Libnitz, Parchow, Venz-Hof und Streu (bei Schaprode).

Die denkmalgeschützte Guts- und Parkanlage Streu ist für interessierte Besucher zugänglich. Die Geschichte des Gutes ist beispielhaft auch für andere Gutsanlagen:

Seit dem 13. Jahrhundert bestand Streu immer nur aus einer sehr großen Hofanlage und war 500 Jahre im Besitz der Familie von der Osten. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde Streu an die Familie v. Platen verkauft. 1749 ging der Besitz an die Familie v. Lotzow, 1757 an die Familie v. Bohlen.

1899 ging das Gut in das Eigentum des ehemaligen Pächters, des bürgerlichen Johannes Volckmann über. 1922 erbte dessen Sohn, der 1885 bereits auf Streu geborene Hans Volckmann, das ehemalige Rittergut.

1945 wurde Hans Volckmann enteignet und das Gutshaus diente der Unterbringung von Flüchtlingen. Im Rahmen der Bodenreform erfolgte eine Aufteilung des Gutes an sog. Neubauern, die im Zuge der Kollektivierung der Landwirtschaft 1960/61 zur LPG „Einheit“ Streu zusammengeschlossen wurden.

Trotz landwirtschaftlicher Weiternutzung verfiehl das ehemalige Vorzeigegut zusehends. Dieser Prozess beschleunigte sich nach Leerstand und Vandalismus.

2001 erwarben die heutigen Eigentümer als dritte Eigentümer nach der Wende das ruinöse Anwesen mit Teilen des Parks und sanierten es in den Folgejahren denkmalgerecht. Entscheidend für den Kauf war die Tatsache, dass die Gutsanlage in ihrer Struktur noch erkennbar und weitgehend frei von unsensibler Neubebauung war.

Im Juli 2014 wurde in Streu zu Ehren des Alteigentümers Hans Volckmann in Gegenwart seines heute in Australien lebenden Enkels Sven Krollpfeiffer, eine Gedenktafel mit folgendem Inhalt enthüllt:

H A N S   V O L C K M A N N

geb. 5 Dezember 1885 auf Streu – gest. 16 April 1953 in Uelzen

„In Erinnerung an den Rittergutsbesitzer Hans Volckmann, bei dem sich führende Vertreter der deutschen Wehrmacht im Widerstand gegen Hitler und das Naziregime regelmäßig trafen.

H. Volckmann wurde mehrfach von der Gestapo verhaftet. Nach Haftaufenthalten im KZ Bredow und in Stettin wurde er nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 nach Stralsund verbracht.

1945 von der Roten Armee befreit und als Opfer des Faschismus anerkannt, wurde er in Streu dennoch enteignet. Er erhielt jedoch 25 ha Neubauernland in Götemitz (Rügen). Einer im März 1953 bevorstehenden Verhaftung wegen seines Widerstandes gegen die Zwangseingliederung in die LPG entging er durch Flucht in den Westen. Er verstarb nur einen Monat später in Uelzen (Niedersachsen).“

Literaturhinweis: Sabine Bock und Tomas Helms: Schlösser und Herrenhäuser auf Rügen

rittergut-streu-gutshaus

Seit Ende des 13. Jahrhunderts war Streu, in mittelalterlichen Urkunden auch Strowe, Strauwe oder Streye genannt, im Besitz der Familie v. d. Osten. Ende des 17. Jahrhunderts fiel das Rittergut an die Familie v. Platen, ab 1757 an die Familie v. Bohlen bis es 1899 in bürgerlichen Besitz der Familie Volkmann überging. Das Gut wurde 1945 enteignet und diente der Unterbringung von Flüchtlingen.

Im Rahmen der Bodenreform erfolgten eine Aufteilung des Gutes und eine Verteilung an Neubauern, die sich 1961 zur LPG „Einheit“ Streu zusammenschlossen.

Streu bestand immer nur aus einer großen Hofanlage. Die Gutsarbeiter wohnten in Schaprode. Das vermutlich Ende des 18. Jahrhunderts errichtete, zunächst nur eingeschossige Herrenhaus wurde um 1871 tiefgreifend umgebaut und erhielt seine derzeitige neugotische Fassung. Über dem noch barocken Eingangsportal kündet eine Relieftafel aus dem Jahr 1871 von der heute noch geltenden Baudevise: „Man reißt das Haus nicht ein, das Väter fest gebaut, doch richtet man sich‘s ein, wie man‘s am liebsten schaut“. Nach 1899 entstanden weitere Wohn- und Wirtschaftsgebäude auf dem Gutsgelände.

Während der DDR Zeit verfiel die Gutsanlage trotz landwirtschaftlicher Weiternutzung zusehends. Dieser Prozess beschleunigte sich nach 1990 durch Leerstand und Vandalismus.

2001 erwarben die jetzigen Eigentümer das ruinöse Anwesen mit Teilen des Parks und sanierten es in den Folgejahren denkmalgerecht. Die Hofanlage wird heute zu Wohnzwecken und als Tierarztpraxis genutzt.